Donnerstag, 7. April 2022

Rezension: Delphine de Vigan * Die Kinder sind Könige

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Dumont
ISBN-13: 
978-3832181888 
Preis: 23,00 EUR
E-Book: 17,99 EUR
Reihe: 1/1 
Erscheinungsdatum: März 2022
Übersetzer: Doris Heinemann 

 
 
 
 
Inhalt:
Mélanie ist gerade dabei eine neue Story für Instagram hochzuladen, als ihr kleiner Sohn Sammy von draußen hereinkommt und seiner Mutter aufgeregt berichtet, das er seine kleine Schwester Kimmy nicht finden kann. Sofort bricht Panik aus, der ganze Wohnkomplex wird abgesucht und schlussendlich, die Polizei alarmiert. Immerhin sind Mélanie und ihre Kinder berühmte Persönlichkeiten, denn sie sind erfolgreiche Youtuber mit Millionen von Fans und einem Einkommen, was sie lieber Verschweigen würden. Für die Polizei unentdecktes Neuland, so untersuchen sie die Familie, deren Umgebung und stutzen daran, das es noch keine Lösegeldforderung gibt. Die Polizistin Clara übernimmt derweil die Analyse der online Präsents und entdeckt so einiges. So bemerkt sie das Kimmy immer weniger in die Kamera schauen möchte und auch das hohe Pensum an Onlineaktivität. Nur hilft das, um Kimmy zu finden? Wo könnte die Kleine stecken? Oder hat sie einer von den Millionen an Fans entführt?

Meinung:
Delphine de Vigan ist eine Autorin, die sich immer aktuellen und heiklen Themen annimmt, um die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, und haut einen damit immer um. Ich muss gestehen, ich habe hier noch nicht einmal den Klappentext gelesen, sondern einfach angefangen zu lesen, weil es ein Vigan ist. Und was soll ich sagen, das hat mich umgehauen und warum versuche ich, euch jetzt zu erzählen.

Mélanie ist ein Kind der „Big Brother“ Ära, dem Trash-TV und den ganzen anderen Abkömmlingen dieser Zeit und fortwährend neuer Formate. Sie selbst hat sich oft auch in solchen Sendungen gewünscht, aber bei den Castings immer eine Absage erhalten. Ihr einziger Erfolg war gekrönt von zwanzig Minuten Öffentlichkeit, einen direkten Rauswurf und keine Chance auf Ruhm und Unvergessenheit. Nun ist sie verheiratet, Mutter von zwei Kindern und genau jetzt hat sie Erfolg mit der Vermarktung ihrer Familie. Endlich bekommt sie die ganze Liebe ihrer Follower, die Likes, die Herzchen, die zuckersüßen Kommentare, endlich ist sie an der Spitze und kann sich darin sonnen, diese unendliche Liebe, die ihr entgegenschlägt, lässt alles Negative ausblenden. Das ihre eigenen Eltern nicht gern mit ihr Kontakt haben und die Schwester bevorzugen und das Mélanie in ihrer eigenen Welt lebt und nicht mit bekommt, was sie ihren Kindern damit nimmt.

Dagegen haben wir Clara, die Polizistin, die einen Ruf hat, der Respekt und Anerkennung bedeutet, denn sie ist gut in dem, was sie tut und ein Arbeitstier. So leidet aber auch ihr Privatleben, denn als Flic ist man jederzeit einsatzbereit. Clara ist Einzelgängerin, strukturiert und im hier und jetzt, für sie sind Internet und sozial Media Arbeitsmittel und keinen privaten Gebrauch wert. Das kommt vermutlich von ihren Eltern, die schon die Anschaffung eines Fernsehers kritisch beäugt haben. So ist sie unbelastet und kann sich der Analyse von Mélanie neutral widmen, ist aber schnell eingenommen und erstaunt, wie man mit nichts, so viel Erfolg haben kann und das es für diese Art von Kindern zur Schaustellung keine gesetzlichen Grundlagen gibt. So ist Clara, des Lesers kritischer Blick und dieser macht einen unglaublich fassungslos.

Dieses Buch geht unter die Haut, schockiert, macht sprachlos und ist top aktuell und lässt einen wirklich nachdenklich zurück. Man überdenkt sein eigenes soziales Medien Verhalten und ganz ehrlich, wie oft schaut man in fremde Leben. Ich bin ja kein Fan von allem zeigen, aber das haben ganz viele nicht und so begleitet man diese den ganzen Tag, Abstimmungen, Reals, Storys und oft frage ich mich, haben die nichts anderes. Aber Kinder, die noch nicht selbst entscheiden können und gar nicht wirklich wissen was sie wollen, weil sie nichts anderes kennen, vor den Karren zu spannen, weil man das für sein eigenes Wertgefühl braucht, ist wirklich ein Skandal. Und was mich am meisten geschockt hat, ist, dass es keine rechtlichen Grundlagen gibt. Keine Zeitvorgaben, keine Ruhepausen, keine Überprüfung der Eltern, nichts, diese Romanfigur beutet die Kindheit aus und macht so viel kaputt, ohne es wirklich zu merken. Es ist so schwer in Worte zu fassen, was dieser Roman während des Lesens mit einem macht.

Delphine de Vigan ist eine Autorin, die man einfach lesen sollte, da ihre Bücher nicht nur zeitgemäß sind, sondern auch so wichtig. Hier beschreibt sie zwei Seiten, ein Mal die Sozial Media Entwicklung und dagegen der kritische Blick. Man sollte sich vieles mehr bewusster machen und sein Leben nicht über sein Handy bestimmen lassen, dafür benötige ich nicht dieses Buch, aber es macht vieles noch klarer, rüttelt wach und ist kraftvoll in seiner Erzählung. Dabei erzählt Delphine de Vigan nüchtern, sozialkritisch, beklemmend, aber auch mit einer Portion Humor diese literarische Geschichte und ich hoffe, ganz viele lesen genau und hören besser hin.

Die Kinder der Könige ist eine Geschichte unserer Zeit, sozialkritisch, erhellend und wachrüttelnd. Großartig erzählt und einfach schrecklich brillant. Große Leseempfehlung.
 
Henry und ich sind wieder total beeindruckt und vergeben die vollen Bücherpunkte:

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Über die Autorin:
 

 
DELPHINE DE VIGAN, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Zuletzt erschien bei DuMont ihr Roman ›Dankbarkeiten‹ (2019). Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.
 
Quelle: Dumont Verlag
 
Vielen lieben Dank an den Dumont Verlag für das  Rezensionsexemplar. 

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