Mittwoch, 23. Juni 2021

Rezension: Beatrix Kramlovsky * Fanny oder das weisse Land

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: hanserblau
ISBN-13: 
978-3446267978
Preis: 23,00 EUR
E-Book: 16,99 EUR
Reihe: 1/1
Erscheinungsdatum: Oktober 2020  
 
 
 
 
Inhalt:
Der Erste Weltkrieg hat Karl in Kriegsgefangenschaft gesetzt und nun sitzt er seit 1914 in Ostsibiren fest. Erbarmungslos müssen er und seine Mitgefangenen der Kälte und dem Hunger widerstehen, und das Einzige, was Karl aufrecht hält, sind seine Sehnsucht nach Fanny, nach Wien, nach dem gemeinsamen Sohn. Er kennt jedes Wort ihrer Briefe auswendig und trägt sie in seinem Herzen, deshalb beschließen er und seine Kameraden im Mai 1918 auszubrechen und sich auf den Weg in die Heimat zumachen. Ein Weg, der sie zehntausend Kilometer auf Trab hält, der sie ständig in Gefahr bringt und es immer schwerer macht, dem Gegner nicht in die Arme zu laufen. Was alle weiter machen lässt, ist die Sehnsucht nach daheim und ihr Zusammenhalt. Werden Sie es nach Wien schaffen? Wie lange wird die Reise dauern? Und können sie die Schrecken überstehen?

Meinung:
Momentan lese ich unglaublich gern Bücher mit geschichtlichen Hintergrund, dabei habe ich sonst um alles, was mit Krieg zu tun hat und das Leben um 1914-1945 einen Bogen gemacht. Zu schwere Kost, zu viel Leid, zu viel böse Geister. Aber ist es nicht so das Bücher aufarbeiten, schlimme Geschehnisse uns nicht vergessen lassen und Fehler sich nicht wiederholen sollen. Menschliche Schicksale und deren Kampf können ja auch positives Transportieren und Kraft spenden, das der Mensch doch einiges überstehen kann. Dieses Buch allerdings ist eine Perle, die es schafft, schlimmste Geschichte zu erzählen und das so poetisch und mit Liebe, das es schmerzt, aber genau richtig. Ihr seht, ich bin hier richtig begeistert und versuche es nun auch noch in Worte zu fassen.

Karl sitzt mit seinem Bruder Viktor in Sibiriens Gefangenenlager fest und mit diesem haben sie sogar noch Glück. Die Brüder und ihre Kameraden müssen sich keine überfüllte Baracke teilen, da sie die Kulissen fürs Theater bauen, somit ist das eine oder andere an Vergünstigungen drin. Und trotzdem zieht es sie nach Hause, zu ihren Lieben, denn das Warten auf ihre Freilassung wird zur Qual. Gleichwohl zweifeln sie auch, ob sie den Ausbruch wagen sollen, immerhin trennen sie zehntausend Kilometer von der Heimat und die Gefahren sind nicht einzuschätzen. Aber das Ausharren macht sie unruhig und so wagen die sechs Freunde die Flucht und das Abenteuer durch Russland nach Hause.

Und diese Reise aus Gefahren, Entbehrungen, Kampf, Überleben und immer wieder neue Kraft fürs Weiterkommen sammeln, erzählt die Autorin einfach großartig. Sie schickt Karl ins Vorfeld, dieser Mann, der durch seine Kunst zu einem gewissen Ruf gekommen ist, hält alle damit über Wasser. Er malt, wo zu malen ist, er baut Spielzeug, wenn es verlangt wird und das mit solch einer Intensität und Kunst, das dies ihr Überleben öfters sichert. Diese Reise wird sie aber trotzdem einiges kosten und erst 1921 enden. Hier lässt die Autorin ihre Figuren einiges erleben, was erschreckt, was einem nahe geht, was die Schrecken des Krieges immer wieder offenbart. So ist diese Geschichte ein gut ausbalancierter Akt zwischen Realität und Fiktion und könnte wirklich so gewesen sein. Was mich geschichtlich auch immer erschreckt ist, das Männer für ihr Land gebrochen zurückkehren und nicht wieder ins Leben finden und einfach vergessen werden. Ein Roman, der für die vergessenen Kriegsgefangen steht und zeigt, dass diese nicht vergessen sind.

Mir hat die gewählte Sprache der Autorin unglaublich gutgefallen, aufwühlend, erdrückend, kraftvoll und doch gleichzeitig sanft, melodramatisch und poetisch zugleich. Da fragt man sich, wie das bei einer Kriegsgeschichte funktionieren kann und das ist ganz einfach, der Motor von Karl ist die Liebe und die Sehnsucht, dass daheim die Frau auf ihn wartet und das lässt manches Grauen, so schlimm es ist, abmildern, ertragen, weitermachen. Toll gezeichnete Bilder, atemberaubende Kälte und Liebesbriefe, die einen tief berühren. Dazu noch das Ende, was für mich die Geschichte nochmals glaubwürdig abrundet. Ganz große Erzählkunst, die einen nicht kalt lässt.

Fanny oder das weiße Land ist ein berührender, packender und menschlicher Roman über das Überleben und die Kraft der Liebe. Geschichte, die wichtig ist und dem Menschen Hoffnung schenkt.
 
Henry und ich fanden die Sprache, die Erzählung einfach großartig und dafür gibt es die vollen Bücherpunkte:

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Über die Autorin:
 

 
Beatrix Kramlovsky, geboren 1954 in Oberösterreich, lebt als Künstlerin und Autorin in Niederösterreich. Sie studierte Sprachen und veröffentlichte Kurzgeschichten, Gedichte und Romane. Ein Aufenthalt in Ostberlin (1987-1991) führt zu einem Publikationsverbot in der DDR. Sie wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Neben ausgedehnten Reisen liebt Beatrix Kramlovsky die Arbeit in ihrem großen Garten. 2019 erschien ihr Roman Die Lichtsammlerin bei hanserblau. 
 

Vielen lieben Dank an den hanserblau Verlag für das  Rezensionsexemplar.
 

Montag, 21. Juni 2021

Rezension: Oliver Pötzsch * Das Buch des Totengräbers

Broschiert: 448 Seiten
Verlag: Ullstein
ISBN-13:
978-3864931666
Preis:16,99 EUR
E-Book: 13,99 EUR
Reihe: 1. Teil
Erscheinungsdatum: Mai 2021
 
 
 
 
Inhalt:
1893: Leopold von Herzfeldt ist ein aufstrebender junger Mann, in Graz ist er schon Untersuchungsrichter und glänzt mit einer einmaligen Karriere, und trotzdem lässt er sich nach Wien versetzten. Dort ist er erst mal nur Inspektor und gerät direkt beim ersten Auftritt auch direkt mit den Kollegen aneinander. Denn Leo wendet moderne Tatortanalysen an und statt das seinen neuen Kollegen zu vermitteln, kommt er überlegen und arrogant daher. So wird er auch bald von den Pfahl-Morden abgezogen und soll sich um eine Leiche auf dem Zentralfriedhof kümmern. Dieser Tote zeigt nämlich Anzeichen von einer Straftat auf, denn sie wurde lebendig begraben. Somit ist der Start alles andere als geglückt, aber bald überschlagen sich die Geschehnisse und Leopold von Herzfeldt muss auf vielen Ebenen ermitteln. Wird das Wissen von Totengräber Augustin Rothmayer dabei helfen können? Hängen die Fälle irgendwie zusammen? Und kann sich Leopold beweisen?

Meinung:
Oliver Pötzsch ist bekannt für seine Henkerstochter-Serie, die ihn bekannt gemacht hat und wurde sogar in Amerika zum Superstar. Dabei hatte ihn wohl seine eigene Familiengeschichte auf die Idee gebracht, denn ein Vorfahre war wirklich ein Henker. In mehr als 20 Sprachen wurde die Reihe übersetzt und somit habe ich eine verdammt hohe Erwartung an den Autor. Immerhin nimmt er uns mit nach Wien und da ich diese Stadt einfach liebe, war ich extrem gespannt auf seine Geschichte. Ob mir diese gefallen hat, erzähle ich euch nun.

Obwohl im Verlagsklappentext von Augustin Rothmayer mehr gesprochen wird, ist die wirkliche Hauptfigur Leopold von Herzfeld. Jung, dynamisch, von sich selbst überzeugt und doch unsicher. Er fällt mit seiner eleganten Kleidung und mit seiner hochdeutschen Sprache auf, so gewinnt er die neuen Kollegen nicht wirklich für sich und kann die neuen Methoden der Ermittlungstechnik nicht vermitteln. Also ein schwerer Start steht im bevor und eine Existenz am Rande es Teams, dabei steht er mächtig unter Druck. Vom Vorgesetzten extra aus Graz geholt, eine erfolgreiche Karriere liegen gelassen und nun die hohen Erwartungen auf seinen Schultern, dazu passieren ständig ungeschickte Dinge und sein Ruf gerät mächtig in Schieflage. Dazu dann noch dieser komische Kauz von einem Totengräber, muffig, eigenbrötlerisch und nicht abschüttelbar. Augustin Rothmayer ist ein Mann seines Fachs, er nimmt die Toten ernst, ihm kann man nichts vormachen, denn er kennt sich bestens aus. So ist er ein kluger Kopf und eine Persönlichkeit, die sich in Geheimnissen einhüllt und immer wieder überrascht. Tja, und dann noch schnell die dritte Hauptfigur benennen und das ist Julia Wolf, sie ist Telefonistin bei der Polizei mit zweifelhaften Ruf. Julia und Leopold geraten zusammen ins Fadenkreuz ihrer Vorgesetzten und kommen sich mit der Zeit näher als zuerst erwartet.

Wien um 1893 ist schon ein spannendes Pflaster, Elektrizität und moderne Technik hält Einzug. Da gibt es Telefone, Kameras, Fahrräder, Automobile und die Welt verändert sich. So auch die polizeilichen Ermittlungen, während das kleine Graz ganz weit vorne ist, hält sich Wien noch am altbewährten fest, deshalb soll auch Leopold von Herzfeldt neuen Wind in die Ermittlungsarten bringen, aber leider ist sein Start nicht gelungen und es schlägt ihm ein ganzer Sturm entgegen. Dazu noch sein empfindliches Wesen, er steht unter Druck und leistet sich doch einige Fehler und was mir extrem schwergefallen ist, seinen klugen Kopf zu finden. Immerhin war er ja schon eine Persönlichkeit aus Graz, aber in Wien musste man ihn ständig auf die Beine helfen und ich mag es nicht, wenn Figuren dann auch noch so deppert rüber kommen. Manche Spuren leuchteten neongelb auf und er schlägt sich an den Kopf und meint, warum ist er nur selbst nicht darauf gekommen. Einmal ist ja noch okay, aber hier ist es doch öfters. Dann Julia Wolf, ein Wolf im Schafspelz, eine Frau mit anrüchigen Ruf und doch ihrer Zeit voraus. Ich fand sie schon etwas überzeichnet, da waren mir einfach zu viele Klischees im Umfeld. Die beiden erinnerten mich ein bisschen an die Serie „Babylon Berlin“ und das hat mir hier nicht so gut gefallen. Wer mir am besten gefallen hat, war Augustin Rothmayer, schrullig und gleichzeitig schelmig, ein Griesgram mit großem Herz. Der in seinen Almachen den Tod auf den Grund geht, es lebe die forensische Anthropologie. Mich erinnerten die Beschreibungen an den Autor Simon Beckett und damit wird auch sogar geworben, ach ich weiß nicht.

Obwohl das Buch schon einige begeisterte Stimmen bekommen hat, kann ich mich nicht ganz anschließen. Einiges hat mir richtig gut gefallen, aber anderes eben auch nicht, es hält sich so die Waage. Manches fand ich zu fett aufgetragen, zu viele Klischees, dazu noch die freie Verwendung von historischen Figuren und im Nachtrag der Satz, man schreibe ja kein Sachbuch, ist bei mir nicht so gut angekommen. Ich finde, man sollte da schon bei der Geschichte bleiben und lieber nicht was fiktional dazu dichten, statt Personen etwas anzuhängen. Aber das ist ja alles Geschmackssache. Die Geschichte um und über den Zentralfriedhof ist allerdings gut eingeflochten und passte dazu. Da war also mein erster Roman von Oliver Pötzsch und ich weiß nicht so richtig überzeugt hat er mich nicht, auch wenn am Ende die Fälle noch interessanter wurden und knifflig. Mit Leo und Julia bin ich nicht warm geworden.

Das Buch des Totengräbers ist eine Mischung aus „Babylon Berlin“ mit Wiener Schmäh und einen Dr. Hunter der Frorensik für mich nicht ganz rund und überzeugend, aber der Totengräber ist klasse.
 
Henry und ich hatten wohl zu hohe Erwartungen, leider konnten diese nicht erfüllt werden, so nur drei Bücherpunkte:

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Über den Autor:
 

 
Oliver Pötzsch, Jahrgang 1970, arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist und Filmautor beim Bayerischen Rundfunk. Heute lebt er als Autor mit seiner Familie in München. Seine historischen Romane haben ihn weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht: Die Bände der "Henkerstochter"-Serie sind internationale Bestseller und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. 
 
 
 Vielen lieben Dank an den Ullstein Verlag für das  Rezensionsexemplar.