Freitag, 1. Juni 2018

Rezension: Imogen Hermes Gowar * Die letzte Reise der Meerjungfrau oder wie Jonah Hancok über Nacht zum reichen Mann wurde

Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN-13:
978-3431040821  
Preis: 20,00 EUR
E-Book: 15,99 EUR
Reihe: 1/1 
Erscheinungsdatum: März 2018
Übersetzer: Angela Koonen 


Leseprobe? Kaufen? 


Inhalt: 
Jonah Hancock macht sich Sorgen um eines seiner Schiffe, denn es sollte schon längst im Heimathafen eingelaufen sein. Die Berechnungen des Verlustes bestimmen sein Leben und dann plötzlich steht sein Kapitän vor der Tür, in den Armen ein Bündel. So erfährt Jonah, das sein Schiff gar nicht untergegangen ist, sondern das es verkauft wurde, und zwar, um einen wahren Schatz zu erwerben, eine Meerjungfrau. Was soll er damit, ist sein erster Gedanke und dann tut sich eine Geschäftsidee auf, warum diese nicht ausstellen und damit Gewinn machen. So bekommt London eine weitere Attraktion und wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde und jeder will sie sehen. So lernt Jonah die Edelkurtisane Angelica Neal kennen und diese verdreht ihm den Kopf. Während er zum reichen Mann wird und in den Kreisen der Gesellschaft aufsteigt, bleibt ihm die Gunst dieser Frau verwehrt. Doch eine zweite Meerjungfrau könnte ihm den Weg öffnen. Wird Jonah Hancock noch eine Meerjungfrau finden? Welchen Preis wird ihm das kosten? Und ist ihm damit das Herz der Dame sicher?

Meinung:
Historische Romane haben es nicht immer leicht, zumindest bei mir. Ich muss darauf Lust haben, mag kein langatmige Epos, die für ihre Entwicklung 1000 Seiten brauchen und jede Gesellschaftsschicht eine Stimme geben müssen, oder über mehrere Jahrzehnte sich ziehen. Deshalb bin ich immer etwas vorsichtig, obwohl ich eigentlich die alten Klassiker liebe. Aber eine Meerjungfrau, wer kann bitte einer Meerjungfrau widerstehen und so musste ich unbedingt diese optische Perle lesen und schauen, ob das Äußere mit dem Inhalt mithalten kann. Tja, und vorab es kann.

Jonah Hancock ist Witwer und ein mittelmäßiger Geschäftsmann. Eigentlich ist er zu gut zu allen und möchte es seiner Familie Recht machen. Ständig wird ihm von seiner Schwester vorgehalten, wem er alles unterstützen soll. Er selbst kommt somit immer zu kurz. Sein Traum ist mit seiner Frau und seinem Sohn gestorben, nämlich der Wunsch Vater zu sein und eine eigene Familie zu haben. Der Besitz der Meerjungfrau bringt somit sein Leben mächtig durcheinander. Er begegnet im Bordell Angelica, sie sollte ihn eigentlich unterhalten, aber diese Örtlichkeit schreckt ihn eher ab, aber diese Frau, ist ihm im Gedächtnis geblieben und hat es ihm angetan. Damit der Spuk aber ein Ende findet, verkauft Jonah die Meerjungfrau und wird somit zum reichen Mann. Aber nicht alles hat seine guten Seiten, durch das Geld verändert er sich und bekommt somit den Unwillen seiner Umgebung kennen und auch Angelica ist in weite Ferne gerückt. Sie gibt ihm eine unmögliche Aufgabe, sie möchte ihre eigene Meerjungfrau. Vom gutmütigen unterschätzten Geschäftsmann stellt sich Jonah auf einmal ganz andere Möglichkeiten und er möchte für seinen Traum kämpfen. Als Leser nimmt man diesen unscheinbaren Kerl gern unter seine Fittiche und begleitet ihm auf seinem Weg. Immer mit der Hoffnung, auch er soll mal Glück haben.

Angelica ist die zweite Hauptfigur im Buch und erzählt ihre Geschichte abwechselnd zu Mr. Hancock. Sie ist dem Bordell entkommen und war die Geliebte eines alten reichen Mannes, der nun verstorben ist und sie mit ihrer ungewissen Zukunft zurücklässt. Für Angelica kommt eine Rückkehr ins Bordell nicht infrage, aber wie überleben, wie einen neuen Gönner finden, wenn man am Hungertuch nagt. So ist sie auf Kontakte angewiesen und auf gelegentliche Arrangements. Ihre Geschichte ähnelt der vom armen Mädchen, die, die große Liebe findet, allerdings muss es hier auch ein paar Abwege geben. Ihr Teil ist immer laut, wild, bunt und leider dumm. Angelica lässt sich nämlich gern beeinflussen und ihr Übermut tut sein übrigens hinzu, so kommt in ihre Geschichte jede Menge Abwechslung drin vor. Auch ein bisschen Fremdschämen ist in den Seiten enthalten, aber auch eine wirkliche Entwicklung, die mich überrascht hat. Eine Frau, die für einige Wandlungen offen ist.

Die Meerjungfrau ist aber hier nur eine Rahmengebung für diese beiden traurigen Schicksale und spielt ansonsten eher eine Rolle am Rande. Für mich war das absolut in Ordnung so. Aber ganz sollte man sie nicht unterschätzen, denn im dritten Teil des Buches, ist es dadurch nämlich schön schaurig. Überhaupt hat Imogen Hermes Gowar eine tolle Geschichte erfunden, unglaublich atmosphärisch und bildgewaltig lässt sie diese erstrahlen und sorgt für ein ganz tolles Leseerlebnis. Diese Reise hat mich unterhalten, in eine andere Zeit geführt und mich darin wahrhaft gefangen genommen, man wollte eigentlich gar nicht mehr daraus wieder hervor gehen. Ihr Spiel mit dem einfachen Leben und den opulenten der Reichen war toll in Szene gesetzt und ließ die Gegensätze so richtig schön hervortreten. So hatte man oberflächliche Dummheit, kleine Intrigen und Gutherzigkeit zwischen den Buchseiten. Ich fand es herrlich zu lesen und mochte die Detailliebe der Autorin sehr gern. Ein Roman, der so viele Aspekte bedient, Realität des 18. Jahrhunderts, Fiktion und eine große Prise Fantasie, absolut harmonisch eingebettet und erzählt.

Die letzte Reise der Meerjungfrau ist die facettenreiche Geschichte zweier Seelen, die sich suchen und erst durch Umwege findet. Fantastisch, schillernd und zauberhaft. Wer Märchen und Jane Austen liebt, wird seine wahre Freude mit diesem Roman haben.
 
Henry und ich hatten schöne abenteuerliche Lesestunden und dafür gibt es die vollen Bücherpunkte:
 
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Über die Autorin:

Imogen Hermes Gowar hat Archäologie, Anthropologie und Kunstgeschichte studiert und anschließend in verschiedenen Museen gearbeitet. Inspiriert von den Ausstellungsstücken hat sie erste fiktionale Texte geschrieben und 2013 ein Stipendium bekommen, um an der Universität von East Anglia Kreatives Schreiben zu studieren. Für ihre Dissertation, aus der der Roman Die letzte Reise der Meerjungfrau entstanden ist, wurde sie mit dem Curtis-Brown-Preis ausgezeichnet. Imogen Hermes Gowar lebt und arbeitet im Südosten von London – eine Gegend, deren Geschichte sie besonders interessiert. 


Vielen lieben Dank an den Bastei Lübbe Verlag für dieses Rezensionsexemplar.   

Kommentare:

  1. Sali, Inga.
    Anmerkenswert, dass die Meerjungfrau lediglich ein auslösendes Momentum für die eigentliche Handlung ist. Ein Geschäft - vordergründig - wie es jedes andere (einkömmliche) auch hätte sein können.
    Wobei mir Jonah ein zu gutmütiger Charakter scheint, um sich auf ein solches Geschäft überhaupt einzulassen.

    bonté

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    1. Good Morning Robert,

      genau, die Meerjungfrau steht eigentlich gar nicht so im Vordergrund. Was bei einigen Lesern wohl nicht gut ankam, aber mich überhaupt nicht gestört.
      Dein Einwand wegen Jonah ist ganz richtig, normalerweise wäre es nicht sein Geschäft gewesen, aber was will man machen, wenn man sie einfach in die Hand bekommt ...

      Ganz liebe Grüße
      Inga

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    2. ...ich denke, die Objektisierung des exotisch Fremden kommt der kolonialen Einstellung der vermutlichen Handlungszeit (spätes 19. frühes 20. Jhd.) recht nah. Die phantastischen Abenteuer-Bücher jener Zeit unterstreichen ja auch die gesuchte Sensation, wenn es um allerlei versunkene Kontinente, Inseln oder Völker geht.

      bonté

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    3. ... und zu dieser Zeit gab es ja noch den Aberglaube!

      =)

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