Montag, 19. März 2018

Rezension: Anne Freytag * Nicht weg und nicht da


Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Heyne fliegt
ISBN-13:
978-3453271593
Preis: 16,00 EUR
E-Book: 12,99 EUR
Reihe: 1/1 
Erscheinungsdatum: März 2018 




Inhalt:
Luise ist allein und versinkt immer tiefer in ihrer Trauer, um ihren verstorbenen Bruder, der sich selbst aus dem Leben geschlichen hat. Ihr Verlust ist so übermächtig, dass sie sich sogar ihre Haare abrasiert hat und zur Therapie gehen muss. Aber ihre Schutzwälle sind unüberwindlich und sie lässt niemanden an sich ran. Doch an einem Nachmittag nach der Therapie, wo sie fasst auf der Treppe zusammenbricht, ist ein junger Mann für sie da und kümmert sich. Jacob, der selber sehr still ist und Luise, nähern sich mit großem Abstand an. Schweigen gemeinsam. Bis zu dem einen Abend, als sie zu ihrem Geburtstag eine E-Mail von ihrem toten Bruder erhält und weitere, sollen folgen. Nachrichten aus der Zwischenwelt mit Aufgaben für Luise. Kann sie sich diesen Stellen? Wird Jacob sie begleiten? Und wird sie aus der Trauer, in ihr Leben zurückfinden?

Meinung:
Ein neuer Jugendroman von Anne Freytag und wieder ein Thema, was keine leichte Kost ist. Aber da diese Autorin einfach absolut überzeugend über Gefühle schreiben kann, dass man diese selber mitfühlt, war ich sehr gespannt, wie sich Luise anfühlt. Ob ich diesmal die Dinge genauso miterlebe, verstehe und fühle, erzähle ich euch nun. Aber vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich ein bisschen vor dem Thema Angst hatte, weil ich immer noch finde, dass der Freitod kein Ausweg sein darf und so war ich doch ein bisschen widerwillig am Anfang.

Luise war schon immer das Kind im Schatten, denn ihr großer Bruder vereinnahmte alle Aufmerksamkeit, denn er litt an einer bipolaren Störung, das bedeutet vereinfacht, dass er an großen Stimmungsschwankungen litt. So drehte sich alles in der Familie um Kristopher und seinem Tagesbefinden und ihr Bruder war Luises ganze Welt. Ihr kleiner Kosmos war komplett danach ausgerichtet, wie es ihrem Bruder ging und somit blieb bis auf eine Freundin, ihr Leben auf der Strecke und nun ist sie allein. Allein mit ihrem Schmerz, mit ihrem Verlust und der Angst, dass es wirklich wahr ist, dass es Kristopher nicht mehr gibt. So befindet sich Luise allein in diesem Schwebezustand und lässt keinen an sich ran. Der Psychologe macht keine Fortschritte und Luises Mutter findet immer neue Ausreden, um nicht nach Hause zu kommen, aber dann begegnet sie Jacob. Als sie fast im Treppenhaus zusammenbricht, ist er einfach da, still, aber da. So beginnen sich Luises Gedanken auf diesen jungen Mann hinzubewegen und setzten eine neue Entwicklung in Gang, aber nicht nur das bringt sie durcheinander, sondern die Mail ihres Bruders. Ihr Leben fährt Achterbahn und Luise weiß nicht, wie sie das bewältigen soll, außer an der Seite von Jacob.

Jacob lebt mit seinem Bruder zusammen und ist ein ruhiger und stiller junger Mann. Ihn fällt Luise sofort ins Auge und das nicht nur wegen ihres kahlen Kopfes, es sind ihre Augen und diese wecken ein unglaubliches starkes Gefühl von Beschützen in ihm. Für Jacob eine völlig neue Erfahrung, da er doch ganz gern für sich ist, Stille bevorzugt und ungern jemanden an sich ran lässt. Er ist extrem verschlossen, außer es geht um seine Leidenschaft, dem kochen. Aber bei Luise schleicht sich das Gefühl von mehr unter und es wird immer stärker. Trotzdem merkt man schnell, dass auch Jacob eine Vorgeschichte hat, die ihn geprägt und noch nicht los gelassen hat.

Zwei junge Menschen, die schon einen großen Einschnitt im Leben erfahren mussten, und versuchen damit umzugehen und großen Respekt an die Autorin für diese Gefühlsachterbahn, ihren Spezialgebiet. Dass mir das Thema Freitod so persönlich und eingehend präsentiert wird, hätte ich nicht erwartet. Die Beschreibungen der Gefühle von Luise sind so eingehen und unter die Haut fahrend, das Selbst mir beim Lesen ein Kloß im Hals hing und das habe ich selten. Der Leser verspürt einfach diese Fassungslosigkeit, die Wut, die Ohnmacht und einfach dieses überwältigende Ungerechtigkeitsgefühl der Welt gegenüber. Man kann einfach den Verstorbenen nicht verstehen, man will es einfach nicht und doch hat Anne Freytag einen Weg gefunden und diesem verzweifelten Menschen eine Stimme gegeben.

Was mir auch extrem gut gefallen hat, ist, dass die Autorin bei dem Thema Trauer geblieben ist und dies durchweg und bis zum Schluss. Natürlich wäre es leicht gewesen, die Beziehung der beiden Hauptprotagonisten mehr ausschweifen zu lassen, aber ich fand die Dosis gut dosiert und wirklich ausreichend. Denn so schlimm der Tod ist, er gehört dazu und man darf ihn nicht einfach ausblenden und auf Liebe schalten. Wirklich überzeugend gemacht und so muss jeder einen Weg finden, wie Luise, um zu verarbeiten und zu verstehen und so ist ihr Weg mit ganz besonderer Unterstützung besetzt. Ich hätte nie gedacht, dass mir diese Geschichte so nahe geht und ich zum ersten Mal wirklich die andere Seite verstanden habe und sogar mitfühlen konnte. Unglaublich viel Gänsehaut liegt zwischen diesen Buchdeckeln.

Es ist wieder ein absolut genial gelungener Freytag, tief berührend, einfühlsam und absolut überzeugend. Ich finde, die Autorin hat diese jungen Leute real und mit viel Liebe gezeichnet, ein Thema näher gebracht, was immer mehr Raum in unseren Alltag einnimmt und gezeigt, dass es vielleicht nicht immer eine Lösung gibt, aber ein Weg weiterzumachen. Für mich, ihr stärkstes Jugendbuch und ein absolutes Herzbuch.
 
Henry und ich sind schwer beeindruckt und stark bewegt und so gibt es die vollen Bücherpunkte:
 
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Über die Autorin:

Anne Freytag, geboren 1982, hat International Management studiert und als Grafikdesignerin gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Erwachsenen- und All-Age-Romanen widmete. Mit ihrem Jugendbuch-Debüt »Mein bester letzter Sommer« schrieb sie sich direkt in die Herzen ihrer Leser. Der Roman wurde von Buchhändlern und der Presse gleichermaßen gefeiert und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert. 

Quelle: Heyne fliegt


Weitere Werke bei Heyne fliegt:

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Vielen lieben Dank an Anne Freytag und den Heyne fliegt Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Kommentare:

  1. Hoi, Inga.
    Ein früher Tod, just der von Kindern, geht an die Nerven. Es ist bereits keine leichte Sache, wenn man/frau davon erfährt - direkt betroffen zu sein reißt sicher geglaubte Fundamente ein.
    Von daher ist Lesern eine Figur wie Luise schnell nahe.

    "Leben ist ein Flackern in Dunkelheit. Die einzige Gewissheit gibt uns die Existenz all der Lebenslichter um uns. Der Rest ist Unwissen."
    (Myrelle Minotier)

    bonté

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    1. Guten Abend Robert,

      das Thema ist eine schlimme Sache, aber es gut darüber zu lesen und Luises Geschichte ist wichtig.

      Wieder ein unglaublich schöner Spruch! Respekt.

      Ganz liebe Grüße
      Inga

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