Freitag, 2. März 2018

Rezension: Andreas Izquierdo * Fräulein Hedy träumt vom Fliegen

Broschiert: 524 Seiten
Verlag: Insel Verlag
ISBN-13:
978-3458363095
Preis: 14,95 EUR
E-Book: 12,99 EUR
Reihe: 1/1 
Erscheinungsdatum: Januar 2018




Inhalt:
Hedy von Pyritz ist eine gestandene Frau von 88 Jahren und Vorsitzende der Pyritz-Stiftung für begabte Kinder. Eine kleine Dame, die scharfzüngig, bestimmend und unerbittlich ist. Aber auch ältere Damen haben ihre Träume, und da Hedy sich nichts sagen lässt, setzt sie eine Annonce in die Zeitung und löst damit eine Welle der Empörung aus. „Dame in den besten Jahren sucht Kavalier, der sie zum Nacktbadestrand fährt. Entgeltung garantiert.“ Nur Jan, ihr Physiotherapeut, hat bei der Formulierung bedenken, aber das hört Hedy nicht und erlebt dann doch ihr blaues Wunder. Es gibt einfach keine Gentlemen mehr. Deshalb muss eben Jan sie zum Strand fahren, komme, was wolle. Sie setzt immer ihren Willen durch, selbst als Jan ihr eröffnet keinen Führerschein zu haben und auch an einer Lese- und Rechtschreibschwäche zu leiden. Hedy entscheidet, dass Jan, nun eben jetzt lernen muss und so entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft mit Höhen und Tiefen, denn eines Abends kommen sie ins Plaudern und Hedy erzählt von ihrer Vergangenheit und lässt eine ganze Epoche aufleuchten. Was hat das Fräulein Hedy alles zu erzählen? Warum möchte sie unbedingt zum Nacktbadestrand? Und was wird diese Freundschaft aus Jan machen?

Meinung:
Was freu ich mich immer auf einen Roman von Andreas Izquierdo. Da weiß man genau, man bekommt lustige, nachdenkliche und absolut unterhaltsame Lesestunden. Diesmal ist der Aufhänger des Buches eine Annonce, aber mal ehrlich, da weiß man doch, da steckt bestimmt viel mehr dahinter, und ob mir das gefallen hat, erzähle ich euch nun.

Hedy von Pyritz ist einfach unglaublich. Diese Frau, ist keine kleine liebe Omi, sondern ein Feldwebel mit spitzer Zunge und messerscharfen Verstand. Sie weiß ganz genau, wie man jemanden in die Ecke treibt und zum Todesstoß ansetzt und dabei immer ein kleines Lächeln im Gesicht. So bestimmt sie ihr Leben, diszipliniert, unerbittlich in ihrer Position und einem trockenen Humor, den nicht jeder versteht. So schreitet sie durch ihr Leben, aber wir merken schnell, da steckt was dahinter und nicht alles läuft, wie ihr es schmeckt. Trotzdem hat sie gern alle Fäden in den Händen und weiß, wie man kämpft und wenn sie sich in etwas verbissen hat, dann ist sie unermüdlich und das trifft Jan ziemlich hart.

Jan ist schüchtern, scheu, in Hedys Gegenwart sogar etwas unterwürfig und hält sich gern im Hintergrund auf. Das hat zum einen mit seiner Legasthenie zu tun, aber auch mit seinem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein. Was natürlich für Fräulein Hedy wie ein gefundenes Fressen ist und sie ihn in einem Fort drangsaliert. Jan hat schwer daran zu knabbern und so geraten sie doch des Öfteren aneinander, wenn Jan das Handtuch werfen möchte, hat er nicht mit der Sturheit von Hedy gerechnet, denn es gibt kein Aufgeben, nicht bei ihr. Diese Lernstunden bringen aber auch die Zwei näher und so öffnet sich jeder ein Stück und vor allem Hedy überrascht mit ihrer Geschichte aus der Vergangenheit und lässt vieles in einem ganz anderen Licht wirken.

Andreas Izquierdo hat hier wieder ganz tief in die Trickkiste gegriffen und eine wunderbare reißerische Geschichte erzählt. Der erste Teil ist mit viel Humor und schrägen Lachern bestückt, aber sobald Hedy in die Vergangenheit eintaucht, erleben wir die schillernde Welt, das Berlin der Zwanziger und gehen immer weiter in der Geschichte voran. Erstaunt, ergriffen und voller Neugier verschlingt man diese Zeit und erlebt mit, wie Hedy ihrer Zeit voraus ist und wie schlecht der Zeitpunkt für starke Frauen gewählt ist. Der Autor schreckt hier nicht zurück ein Stück Zeitgeschichte zu erzählen und packt diese aber ganz anders an, nämlich aus der Sicht, der emanzipierten Frauen und wie diese ihren Mann stehen müssen, und versuchen sich durchzusetzen, um ihre Träume wahr werden zu lassen. Was diese Träume aber kosten, erzählt uns Hedy und wir kleben förmlich an den Seiten. Aber auch im Hier und Jetzt geht es weiter, denn auch Jan hat ein Stück Vergangenheit zu bewältigen. So kommt es, das beide durch ihre Offenheit, sich selber besser kennenlernen und Mut aus dem jeweils anderen zieht. Der Autor hat hier wirklich eine ganz besondere Freundschaft gewählt, die einen einfach mitnimmt, traurig stimmt, zum Lachen bringt und einen unglaublich berührt, da wird das Alter zur Nebensache.

Für mich war es wieder ein richtig typischer Izquierdo, der einen fantastisch unterhält, aber auch nachdenklich zurück lässt, denn so ganz ohne Drama geht es einfach nicht. Ein absolutes Bonbon des Zusammenspiels von Generationen und der Humor nimmt einen einfach mit auf diesen Flug durch die Lüfte. Am Ende fand ich es ein bisschen zu dick aufgetragen und die Vielzahl an angeschnittenen Themen gigantischen, aber das wäre für mich meckern auf hohem Niveau, die Abstriche macht man unglaublich gern, weil die Lesefreude durchweg stark war. Um ehrlich zu sein, konnte ich gar nicht so schnell lesen, wie ich wollte.

Fräulein Hedy träumt vom Fliegen, ist so viel mehr als nur eine Fahrt zum Nacktbadestrand, es überrascht, ist mitreißend, liebenswert und wunderbar witzig. Eine Geschichte über starke Frauen und dem Weg sich selbst zu finden. Ich kann es nur jeden ans Herz legen und wünsche guten Flug.
 
Henry und ich fühlten uns in der Geschichte wieder pudelwohl und vergeben somit die vollen Bücherpunkte:

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Über den Autor:


Andreas Izquierdo, geboren 1968, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er veröffentlichte u. a. den Roman König von Albanien (2007), der mit dem Sir-Walter-Scott-Preis für den besten historischen Roman des Jahres ausgezeichnet wurde, sowie den Roman Apocalypsia (2010), der den Lovelybooks-Leserpreis in Silber für das beste Buch 2010 erhielt und zum Buch des Jahres bei Vorab-lesen.de gewählt wurde. Zuletzt erschienen von ihm die Romane Das Glücksbüro (2013), Der Club der Traumtänzer (2014) sowie Romeo & Romy (it 4575).

Quelle: Suhrkamp Verlag


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Kommentare:

  1. Salut, Inga.
    Wir Jüngeren - zähle ich mich mal keck auch noch dazu - wir stellen uns die komplette Bandbreite eines langen Lebens nur allzu selten vor. Wenn ich mir die Lebensdaten bereits verstorbener Personen betrachte, gehe ich durch die Geschichtsdaten & stelle mir rudimentär vor, was dieser Mensch wohl alles erlebt & erfahren haben muss. Danach die Autobiografie zu lesen/sehen bleibt eine anmerkenswerte Erfahrung.

    Es wundert nicht, dass jemand mit einer Lese- & Schreibschwäche gelernt hat unauffällig zu sein. So besehen scheint ein Unding zu sein, dass Jan sich ausgerechnet um eine "Feldwebelin" kümmern soll. Ich entnehme allerdings auch Deinen Worten, dass es dem Autor gelingt seine beiden gegensätzlichen Figuren zueinander zu führen.
    Wie ich damals Deine Vorstellung des Romans las, assozierte ich frei vom Lebensrückblick einer draufgängerischen Frau (aus den frühen Zeiten der Flugpioniere). Offenbar halten sich aber die Gegenwart & all die Erinnerungen die Waagschale.

    Persönlich hege ich ja eine Schwäche für die Lebensgeschichten von mutigen, selbstbewussten, kreativen Frauen, die Ihrer Zeit voraus waren. Einblicke, die immer wieder offenbaren, dass die Mär von der "bestehenden Überlegenheit des Mannes" eine Selbstlüge ist.

    Eine erzählerisch gut verpackte Themenwahl also.

    Das Thema der Flugpionierinnen sowieso.

    Schokoman gäbe sicher auch einen guten Co-Piloten - zumindest aber einen neugierigennFlugbegleiter... ;-)

    bonté

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    1. Hallo Robert,

      klar sind wir noch Jung und selten reflektieren wir das eigene Leben, aber unsere Geschichte ist Gott sei Dank nicht ganz so heftig von Ereignissen durchzogen, die so prägend sind.

      Ich glaube, das die Menschen mit Lese- & Schreibschwäche wahre Künstler des improvisierens sind. Aber auf die Probe gestellt, fällt es irgendwann doch auf ...

      Du hast Recht, das Fliegen spielt eine große Rolle und die Zeit ist für Frauen nicht gerade die Beste. Die gehören nämlich an den Herd und nicht in ein Flugzeug .... deshalb umso interessanter für uns. Eine Geschichte die so noch nicht erzählt wurde und dessen Aufmerksamkeit viel mehr Hörer braucht.

      Dann ist das dein Buch. Hedy macht dir Feuer unter den Hintern ...lach...

      Schokoman ist so lange glücklich, solange er dabei sein kann :-)

      Ganz liebe Grüße und guten Flug
      Inga

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    2. ...Katherine Stinson, Amy Johnson oder Bessy Coleman sind die Namen einiger historischer Fliegerinnen.

      bonté

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