Freitag, 20. März 2020

Rezension: Matthias Politycki * Das kann uns keiner nehmen

Gebundene Ausgabe: 304 Seiten 
ISBN-13: 978-3455009248
Preis: 22,00 EUR 
E-Book: 16,99 EUR 
Reihe: 1/1 
Erscheinungsdatum: März 2020 


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Inhalt:
Hans hat sich etwas vorgenommen, und zwar mit der Vergangenheit ins reine zu kommen und eine damalige abgebrochene Tour zu Ende zu bringen. Nun steht er hier, am Gipfel des Kilimandscharo und die nächste Katastrophe steht auch nicht mehr weit. Unten im Krater trifft er auf den Ur-Bayern Tscharli und als ob dieser Typ nicht schon reichen würde, zieht ein Schneesturm auf. Diese Nacht, schweißt die beiden wider Willen zusammen und es soll erst der Anfang von ihrer gemeinsamen Reise sein. Denn Tscharli will Hans sein Afrika zeigen und so wird es zu einem rasanten Trip, der lustig und wahnsinnig beginnt und beide sich im Verlauf den anderem gegenüber öffnet. Beide haben mit dem Leben noch eine Rechnung offen, doch wird genug Zeit sein diese zu begleichen? In Afrika fährt der Tod gern mit und sie haben schon den Kibo überstanden, wird er sich noch einen holen? Und was hat die beiden so schwer im Leben getroffen?

Meinung:
Afrika ist so gar nicht mein Land, es reizt mich überhaupt nicht und deshalb mach ich auch rein literarisch immer einen Bogen drumherum. Nun allerdings machte mich diese Geschichte neugierig, diese beiden Typen sprachen mich auf irgendeiner weise an und somit musste ich diesem Land eine Chance geben und es doch noch entdecken. Wie es mir schlussendlich gefallen hat, erzähle ich euch nun.

Hans ist Autor und hat mit Afrika noch eine Rechnung offen. Er war schon einmal in diesem Land und das es nicht gut geendet hat, lässt er von Anfang an durchblicken und ist auch die zentrale Frage. Was ist damals passiert? Er ist vorsichtig, hält sich zurück und versucht, eigentlich mehr Afrika zu umschiffen, als wirklich dort zu sein. Das fällt natürlich auf, wenn jemand als Schatten dabei ist und sich erzkonservativ aus allem raushält. Das ist natürlich für Tscharli ein gefundenes Fressen, er ist laut, vulgär, macht ständig ein Späßchen und ist umso beliebter bei den Einheimischen. Hans ist von dieser Person genervt, empfindet seine Gegenwart als störend und doch gerät seine Reise immer mehr in Tscharlis Richtung. Es sind zwei Charaktere, die sich im wahren Leben niemals begegnet wären und sich schon gar nicht ausgetauscht hätten. Zwei total verschiedene Welten und das macht sie beide interessant, denn unter der Oberfläche ist nicht alles gut.

So ziehen sie nach dem Berg, wo man schon merkt, das Tscharli nicht auf gesundheitlich Höchstniveau ist, ins Inland und bevor sich Hans versieht, wird er mit geschleppt, nein sogar in die Pflicht genommen auf diesen Chaoten aufzupassen. Am Anfang ist er noch sauer, erbost und bestürzt, das er seine Reise nun ganz anders gestalten muss und gewinnt doch immer mehr Frieden mit sich selbst. Für beide Figuren ist es eine Wohltat, den anderen dabei zu haben und es entwickelt sich eine Freundschaft daraus. In dieser Woche wird nicht nur Party gemacht und wilde Entdeckungstouren gestartet, nein, es soll auch die Vergangenheit erzählt werden, aber das tun die beiden wohl besser selbst.

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, aber es ging am Ende doch in eine ganz andere Richtung. Vielleicht wäre mir eine Reise auf dem Berg lieber gewesen, als eine Party Tour mit Tscharli, denn das ist es zuerst auch. Ein Reisebericht von zwei ungleichen Gefährten von Kibo, nach Daressalam und Sansibar. Während wir noch auf dem Kilimandscharo waren und von dessen Element, was erstaunlich, beängstigend und abenteuerlich war, wird die Tour zum Besäufnis. Zumindest endet jeder Abend so und es wird gefeiert. Vielleicht ist es der Figur geschuldet, denn Tscharli ist ein Lebemann, der das Leben genießen möchte, es fühlen möchte und Freude daran hat. Er ist immer gut gelaunt und bei den Einheimischen sehr beliebt, weil er zu allem einen Spruch hat und einen Lacher. Er liebt dieses Land und er kann es auch leben, was aber alles einen Hintergrund hat, den wir erst später erfahren. Während Hans oft überfordert und mit der lockeren Art zu kämpfen hat. Aber so ist halt Afrika.

So bin ich doch extrem unschlüssig, wie ich es am Ende bewerten soll, zu lesen war es wie eine Bergwanderung. Zu Anfang noch voll enthusiastisch, viel ich irgendwann zu gemächlich und am Ende eher beschwerlich ab. Ohne Frage, es war ein absolut gelungener Reisebericht, man hatte Land und vor allem Leute vor Augen. Das Leben war spürbar und auch meine Ängste zu dem Land spielten mit hinein. Somit war es für mich absolut stimmig. Die Figuren, gerade der Tscharli waren sehr originell und ja, ich denke, solch eine Erscheinung wird es geben, aber ich würde ihn im Leben auch nicht begegnen und ja, solche Bekanntschaften macht man nur, wenn das Leben es so entscheidet. Für diese Reise war es gut, allerdings waren mir oft seine Partys und seine laute Art einfach zu viel. Und Hans der Vernünftige nimmt sich der Sache auch noch voll an. Die Lebens- und Liebesgeschichten waren berührend, aber auch sehr sehr langatmig und gerade zum Ende hin, wurde es recht beschwerlich. Man fragt sich am Ende, wie viel von dieser Geschichte hat der Autor wirklich erlebt, denn mit Afrika hatte er auch so seine Erfahrung gemacht.

Das kann uns keiner nehmen, ist die Geschichte über Freundschaft, die unerwartet kommt und einen nicht kalt zurücklässt, manchmal mit heilender Wirkung. Interessant erzählt, aber für meinen Geschmack, etwas zu viel und Afrika ist immer noch nicht mein Land.
 
Henry und ich fanden dieses Buch ein bisschen wie eine Berg und Talfahrt und vergeben deshalb drei Bücherpunkte:

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Über den Autor:
 


Matthias Politycki schreibt, seitdem er 16 ist und wurde schon mit seinem opulenten Romandebüt als "Formfex im Sprachfels" (Die Welt) gefeiert. Sein Werk besteht heute aus über 30 Büchern, darunter mehrere Romane, Erzähl- und Gedichtbände sowie vielbeachtete Sachbücher und Reisereportagen. Er gilt als großer Stilist und ist einer der vielseitigsten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Weiberroman, eine Hommage an die siebziger und achtziger Jahre, ist eines der zentralen Werke der literarischen Postmoderne; als "einer der schönsten Schelmenromane unserer Zeit" (Radio Bremen) wurde seine Kreuzfahrtsatire In 180 Tagen um die Welt zum Bestseller. Sieben Jahre nach seinem als "wahrer Monolith" (Stern) gerühmten Roman Samarkand Samarkand erscheint 2020 ein neuer großer Roman, für den er um ein Haar in Afrika gestorben wäre. Gerettet hat ihn die Liebe einer Frau.


Vielen lieben Dank an den Hoffmann und Campe Verlag für das Rezensionsexemplar. 


4 Kommentare:

  1. Hallo,

    ich bin da zwiegespalten! Es könnte ein Buch sein, das mich begeistert, aber es könnte auch ein Buch sein, das mich überhaupt nicht überzeugen kann... Im Zweifelsfall warte ich vielleicht, bis die Onleihe es hat, und leihe es mir dann aus.


    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

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    1. Hallo Mikka,

      leider hänge ich da ja auch ein bisschen in der Schwebe, aber es gibt viele begeisterte Stimmen. Vielleicht bin nur ich da ein bisschen zu kritisch ...lach...

      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
      Sharon

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  2. Aloha, Inga.
    Vermutlich ist ein Aspekt, der auch mich irritiert, daß Figuren einer Story (respektive Leute "in real life")deklamieren "das Leben genießen" wollen - indem sie sich (zB) besaufen. Schleierhaft (sic!) wie man/frau Leben wahrnehmen kann, wenn die Sinne gleichzeitig betäubt werden (vom Verstand ganz zu schweigen). Aber ich hatte auch nie ein Bedürfnis nach Alkohol (& anderen Drogen); vielleicht liegt es daran... ;-)

    Manche Romane verzetteln sich gern in einer offensichtlichen Romantisierung der Ferne (nur eben, weil sie fern ist).

    Schoko scheint da auch weniger beeindruckt zu sein. :-)
    bonté

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    1. Servus Robert,

      ich habe ja kein Problem, wenn man sich mal die Kante gibt, aber jeden Abend einen auf Party machen, ist nicht so meins und bin da her auf deiner Seite ... somit war es nicht ganz meine Geschichte, aber den Berg fand ich toll ...

      Ach, der Schoko macht doch fast alles mit :D

      Liebe Grüße
      Inga

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