Montag, 27. April 2020

Rezension: Benjamin Myers * Offene See

Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Verlag: Dumont
ISBN-13: 
978-3832181192 
Preis: 20,00 EUR
E-Book: 15,99 EUR
Reihe: 1/1 
Erscheinungsdatum: März 2020
Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann


Leseprobe? Kaufen?


Inhalt:
Der Zweite Weltkrieg ist vorüber und Robert steht seiner vorher bestimmten Zukunft gegenüber, genau wie sein Vater Bergarbeiter zu werden. Aber nach der Schule, wo die Noten noch nicht bekannt sind, nimmt er sich eine Auszeit und geht auf Wanderschaft. Er geht übers Land, hält sich mit kleinen Arbeiten über Wasser und möchte das Meer sehen, nicht welches, was er kennt, sondern an der Küste. Bevor er sein Ziel erreicht, lernt er die unkonventionelle Dulcie kennen und bevor er sich versieht, bleibt er dort. Ihre Art zu leben, ihren Wissensdurst, ihre Bücher und das ganze Essen, lassen Robert an ein anderes Leben denken. Aber nicht nur Robert entdeckt Neues auch für Dulcie wird diese Freundschaft alten Schmerz heilen. Was hatte Dulcie erlebt? Wie wird Robert ihr helfen können? Und welche Macht wird dieser eine Sommer über Roberts Leben haben?

Meinung:
Dieses Buch erreichte mich eher zufällig mit den Neuerscheinungen des Dumont Verlages und es klang nach einer Geschichte, die meinen Geschmack treffen könnte. Ein kleines Büchlein, was nach starken Worten klingt und einen Leser mitreißt. Ob es sich bewahrheitet hatte, erzähle ich euch nun.

Der Roman beginnt mit den Worten und Gedanken eines alten Mannes, der darüber philosophiert, wo das Leben geblieben ist, der sich über sein Alter, seine Gebrechen, das schiefe Haus und der überwucherten Wiese auslässt. Dessen Zustand nicht besser wird, aber er hat noch etwas zu erzählen und das führt uns ins Jahr 1946 zurück, wo er, Robert, noch 16 Jahr jung war, auf Wanderschaft ging und dieses Plätzchen Erde gefunden hat.

Es ist Kriegsende, die Bevölkerung ist verarmt, das Land noch nicht wieder aufgeblüht und Robert sieht sich einer desolaten Zukunft gegenüber. Mit seinen 16 sieht er sich schon als Bergarbeiter verkümmern, sich dem Schicksal ergeben und das Leben nicht sehr rosig. Aber dieser Sommer gehört ihm und er möchte allein über die Felder wandern, einfach raus aus der grauen Stadt und ein bisschen von der Welt sehen, bevor er abstumpft. So läuft er los und entscheidet mittendrin, zu Fuß zur Küste zu wandern. Zufällig begegnet er dabei Dulcie, eine große selbstbewusste Frau, die ihn auf ein Hummeressen einlädt und ihm eine ganz andere Welt eröffnet. Darin geht es um Kunst, Unabhängigkeit, Leidenschaft und um Träume. Aus einem Abend werden mehrere, bis es ein ganzer Sommer wird, aus Freude, Poesie, Lyrik und Geschichten, die voller Schmerz sind, aber das Leben lebten. In Robert beginnt eine Veränderung, nicht nur körperlich legt er den Babyspeck ab, denn die Landarbeit stählert ihn, nein auch sein Kopf bekommt Nahrung und so ist es nicht nur für Robert eine neue Entdeckung, sondern auch Dulcie erlebt eine Veränderung. Welche und was die offene See damit zu tun hat, müsst ihr selber herausfinden.

Benjamin Myers hat eine wahre Flut an Themen in seinen Roman einfliessen lassen, Naturbeschreibungen, Kriegsverarbeitung, ein junger Mann, der für seine 16, extrem alt wirkt und Dulcies Geheimnis um ihr Cottage und ihre Abneigung zum Meer. Es klingt nach zu vielem, aber alles hat seinen Platz, wird hinein gewoben und mischt sich hervorragend in die Geschichte ein. So hat der Autor mir nie zu viel Natur beschrieben, sondern genau soviel, dass ich das Meer riechen konnte, den Wind über die Wiese streichen gesehen habe, oder wie Robert Brenneslen pflückt. Ein wahrer Wortgenuss für die Seele. Dazu kommt der Krieg, der vieles verändert hat und nun das neu erwachen, aber wie wirkt sich das auf die Träume der jungen Leute aus, wie Robert, der sich seinem Schicksal düster stellen muss. Da kommt Dulcie genau richtig. Diese Frau hat viel erlebt, sich den Konventionen entgegengestellt und ihr Leben lieber der Kunst und der Leidenschaft geopfert, als in Pflichterfüllung und Anständigkeit zu ertrinken. Aber auch sie hat Wunden, die nicht heilen wollen und so beginnt zwischen den beiden ein wahrer Prozess mit heilender Wirkung. Während Robert zieht, dass man seine Träume leben kann, heilt er unwissentlich auch Dulcies Vergangenheit. Eine Freundschaft die Wunder bewirkt und hier wirklich großartig beschrieben ist.

Ich habe dieses Buch mit wahrer Wonne gelesen, die Wörter und Beschreibungen aufgesogen und ein herrliches Lesevergnügen gehabt. Es hätte einfach nicht enden dürfen. Diese ruhige Geschichte, die so feinfühlig, poetisch geschildert wurde und die mit Beschreibungen und Handlung die Waage gehalten hatte, war unglaublich einnehmend. Die Wichtigkeit der Dinge standen hier im Vordergrund, die Natur, die Worte, die Schönheit des Seins und das alles ohne irgendwelchen Reichtum. Ein Buch was zu einem selbst führt und einem die Luft tief einatmen lässt und die innere Ruhe einstellt. Dieses Lebensgefühl ist unbezahlbar und somit ist dieses Buch ein ganz besonderer Schatz.

Offene See ist literarisch, poetisch und jedes Wort wert. Ein Genuss für die Seele und ich habe es sehr gern gelesen und es ist ein Buch, was ich nochmals lesen würde.
 
Henry und ich lieben diese Geschichte und deshalb gibt es die vollen Bücherpunkte:
 
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Über den Autor:


Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.

Quelle: Dumont Verlag

Vielen lieben Dank an den Dumont Verlag für das  Rezensionsexemplar. 

Kommentare:

  1. Hallo, Inga.
    Das Leben auf der "Insel" war auch für die Briten kein Zuckerschlecken. Der Krieg zwar gewonnen, das Land allerdings mit den Wunden überzogen; zudem löste sich die Ilusion von einem weiterbestehenden Empire langsam auf.
    Viele Romane spielen in den Jahren vor oder während des Weltkriegs - wenige danach. Eine gute Wahl für eine Geschichte, spiegelt sich doch just hier die schwebende Zeit zwischen davor & danach.
    Wohl auch ein Buch für unsere Gegenwart - denn die Träume von längst vergangener "Größe" sind nichts als Ilusion.
    bonté

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    1. Hello Robert,

      das hast du wieder ganz wunderbar treffend formuliert, da muss ich gar nix mehr sagen, sondern genauso ist es! Vorallem in der heutigen Zeit sind Träume nicht mehr das selbe.

      Hab einen feinen Wochenstart
      Inga

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